Akteure

„Rassistisch und entwürdigend.“ Nennt Péguy das Gutscheinsystem für Asylsuchende und geduldete Flüchtlinge. Auf einem Zettel, den er durchs Publikum reicht, sind die Supermärkte aufgelistet, in denen er seine Einkäufe erledigen kann. Er ist Schriftsteller aus Kamerun und aktives Mitglied des Netzwerks „Corasol“, das einmal pro Monat Antira-Einkäufe organisiert. Derzeit lebt Péguy im Asylbewerberheim Hennigsdorf im Norden Berlins.

Eine Gruppe von ca. 15 Personen kommt am Freitag Abend im Fincan zusammen, um zum Auftakt des Festivalprogramms Statements von Geflüchteten und Unterstützern zu hören. Der intime Rahmen der Gesprächsrunde schafft eine vertraute Atmosphäre für persönliche Geschichten und Erfahrungen. Neben Péguy berichtete Sibtain Naqvi von der Organisation „Refugee Struggle for Freedom“ über seinen Kampf mit deutschen Behörden und die Einschränkungen, die Asylbewerber_innen und Geduldeten durch die Residenzpflicht auferlegt werden.

 

Auf Initiative der Künstlerin Annette Blum veranstaltete der Kiez- und Kulturverein Fincan ein Mini-Festival zum Thema „Art Supports Refugee Struggle“ im Rahmen von 48 Stunden Neukölln. Im Laufe des Wochenendes setzten sich Künstlerinnen und Künstler in Beiträgen aus den Bereichen Theater, Musik, Performance, Poesie, Malerei und Fotografie auf unterschiedlichste Weise mit Rassismus, Flucht, Ankunft, Fremdsein und dem täglichen „Struggle“ von Geflüchteten in Deutschland auseinander.

Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen „Refugee Struggle“ und Kunst gaben dabei Christel Gbaguidi von der soziokulturellen Organisation „Arts Vagabonds Rezo Afrik Benin“ und Michael Ruf von der „Bühne für Menschenrechte“. Zu Recht heben die beiden Produzenten hervor, dass der Titel des Programms korrekterweise „Art Supports Refugee Struggle Supports Art“ heißen müsste. Im Anschluss tritt der Rapper tapeteberlin auf, der sich in kritischen Texten mit dem Schicksal von Geflüchteten auseinandersetzt.

 

Aktionen

Es herrscht absolute Stille, als die Schauspielerin Meri Koivisto die Geschichte von Safiye vorträgt, die nach mehrjähriger Haft in der Türkei und einer absurden Ablehnung ihres Antrags auf Asyl schließlich doch nach Deutschland kommt. Das Schicksal der jungen Frau geht unter die Haut, schockiert und führt die Ungerechtigkeit und Demütigung vor Augen, die Safiye aufgrund ihrer politischen Gesinnung widerfährt. Das dokumentarische Theater „Asyl-Monologe“, das mit zwei Aufführungen am Samstag vertreten war, löst starke Emotionen im Publikum aus: Betroffenheit, Wut, Unverständnis über die Entscheidung von Behörden.

Aus komplett anderer Perspektive werden die Themen Flucht, Ankunft und die Vorstellung von ‚zu Hause‘ durch die multikulturelle Gruppe von „Arts Vagabonds Rezo Afrik Benin“ dargestellt. Das Stück „Home Sweet Home“ unter der Regie von Christel Gbaguidi dreht sich um Wohnen als Menschenrecht, verkörpert durch verschiedene Charaktere der Berliner Gesellschaft. Auch hier geht es um den persönlichen „Struggle“: vom Überleben in der Großstadt und vom Suchen und, im Idealfall, Finden eines zu Hauses. Die impulsiven Dialoge und Gesänge der drei Schauspielerinnen werden durch musikalischen Einlagen am Balafon und der Trompete ergänzt.

Der Abend endet mit einem genialen Konzert des Lyrikers und Sängers „le p’tit garçon“, begleitet an der Gitarre. Es ist sein erster richtiger Auftritt in Berlin und er wirkt nervös und gleichzeitig glücklich, hier auf der Bühne zu stehen. Nach einem kurzen, schüchternen Blick ins Publikum legt er sofort mit dem ersten Stück los. Seine Texte sind ungekünstelt und aufrichtig und vermitteln klare, simple Botschaften. Sie kommen von Herzen und gehen direkt in die Herzen der Zuhörer_innen. Ebenso unbemerkt, wie er kurz vor dem Konzert aufgetaucht ist, verschwindet „le p’tit garçon“ nach seinem Auftritt wieder. Irgendwie vermittelt er den Eindruck, auf der Flucht zu sein.

Zeitgleich zum Festival 48 h Neukölln kämpft eine Gruppe von 40 Flüchtlingen, unterstützt durch mehrere Hundert Demonstrant_innen, gegen die Räumung der Kreuzberger Gerhart-Hauptmann-Schule. Die Relevanz des Themas „Refugee Struggle“ liegt auf der Hand und das Interesse ist groß: ca. 300 Menschen versammeln sich im Laufe des Tages und des Abends im Fincan. Bei VoKü und Kuchen schließen die Künstler_innen neue Bekanntschaften und Kontakte und kommen ins Gespräch mit den Festivalbesucher_innen. Die Räume des Fincan werden ein Wochenende lang zum geschützten Raum für Menschen, deren Alltag von Unsicherheit geprägt ist und zu einem Ort des Austausches, der Toleranz und der Solidarität mit den Geflüchteten, die in Deutschland für ihre Rechte und eine sichere Existenz kämpfen.

 

Auktionen:

Das Mini-Festival endete am Sonntag mit einer Auktion der Gemälde von Annette Blum, den Fotografien von Houmer Hedayatzadeh und Möbeln der „CUCULA Refugees Company for Crafts and Design“.

Die Künstlerin Annette Blum malt Bilder von Musiker_Innen bei der Arbeit mit Farbe auf Leinwände, meistens Schwarz auf Weiß mit minimalistischen Zügen. Houmer Hedayatzadeh stellt Fotos aus, die bei Protestaktionen von und für Geflüchtete entstanden sind. Er war bei den Protestmärschen von Würzburg nach Berlin 2012 und nach München 2013 dabei und als Betroffener unter anderem am Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor 2012 beteiligt. Die „CUCULA Refugees Company for Crafts and Design“ ist eine heterogene Gruppe von geflüchteten und nichtgeflüchteten Künstlern, Designern, Sozialarbeitern und Handwerkern, die gemeinsam Möbel und Einrichtungsgegenstände herstellen. Das Projekt unterstützt nachhaltig die Situation von Geflüchteten. In einer kleinen Ausstellung wurden während des Festivals zwei große Holzbänke und Informationen zum Projekt präsentiert.

50% des Erlöses der Werke sollte dem Konto des Aktionsbündnisses „Strikeregensburg“ zugute kommen zur finanziellen Unterstützung für Mohammad Kalali, Omid Moradian und Houmer Hedayatzadeh. Leider konnte die Auktion durch die geringen Besucherzahlen nicht stattfinden, sodass die Werke von Annette Blum und Houmer Hedayatzadeh noch bis Ende August im Fincan zu sehen und zu erwerben sind.

Hintergrund des Programms:

In Aufsehen erregenden Aktionen und verschiedenen Protestbewegungen haben sich Geflüchtete in jüngster Zeit organisiert und ihrem Anliegen Gehör verschafft – durch diese „Selbstermächtigung“, gerieten viele von ihnen in Konflikt mit dem Deutschen (Rechts-) Staat. Anwalts- und Gerichtskosten sowie Strafbefehle haben sich zu Beträgen in vierstelliger Höhe summiert. Während der dreitägigen Veranstaltung wurden daher Spenden gesammelt, die den Betroffenen zugute kommen.

Ziel des Mini-Festivals im Fincan war es, die Anwesenden mit der Situation der Geflüchteten zu konfrontieren und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft anzuregen. Kunst wird als Mittel der Selbstermächtigung und der Solidarität eingesetzt. Durch das Zeigen und Darstellen erhielten Betroffene eine Stimme und einen Ort, sich und ihre Anliegen zu vertreten. Gleichzeitig wurde das Publikum dazu aufgerufen, sich aktiv für die Rechte von Geflüchteten einzusetzen.

Das Café Fincan in der Altenbraker Straße 26 in Nord-Neukölln ist seit 2009 ein Veranstaltungsort des gemeinnützigen Vereins „Mainzelmenschen“. Unter anderem werden im Fincan kulturelle und politische Veranstaltungen sowie ein umfangreiches Bewegungsangebot für eine erweiterte Nachbarschaft realisiert. Zudem wird der Raum Initiativen aus der Umgebung für ihre Projekte zur Verfügung stellt. Das wird durch die ehrenamtliche Arbeit der ca. 20 Mitglieder ermöglicht, die sich in Selbstorganisation am zivilgesellschaftlichen Leben der Stadt beteiligen. (www.fincan.eu)

Das Fincan bedankt sich herzlich bei allen beteiligten Gruppen und Einzelpersonen, die zum Erfolg des Mini-Festivals beigetragen haben. Ein besonderer Dank geht an die Künstlerin Annette Blum für die Initiative und Konzeption des Programms.